Kennst du das Gefühl, auf Reisen morgens aufzuwachen und überhaupt keine Ahnung zu haben, wo du bist? Ein fremder Geruch liegt in der Luft, das Bett steht nicht an der Wand, fremde Geräusche… Welches Land? Welche Stadt? Was steht heute an? Das unpersönliche Hotelzimmer bietet meist wenig Orientierung. Doch die braucht unser Nervensystem für unser Wohlbefinden und guten Schlaf.
Für alle, die viel unterwegs sind – beruflich oder privat – oder einfach Mühe haben mit dem Ankommen an neuen Orten, habe ich daher in diesem Beitrag meine besten Tipps zum leichteren Ankommen zusammengestellt.
Motiviert hat mich eine Zahl, die ich beim Erstellen meines letzten Jahresrückblicks herausgefunden habe: 2025 habe ich in 57 verschiedenen Betten geschlafen. Vollkommen verrückt. Tatsächlich pendele ich seit mittlerweile einem Jahrzehnt ohne fixe eigene Wohnung zwischen Europa und Südostasien. Möglich und nötig macht das mein Job (einer meiner Jobs) als Reiseleiterin. Aber keine Sorge: Dieser Beitrag ist auch für dich, wenn du nur auf 3 oder 5 Betten im Jahr kommst!
Für mich selbst habe ich über die Jahre verschiedene Strategien entwickelt, wie ich mich möglichst schnell an einem neuen Ort zuhause fühle. Viele davon haben – natürlich – mit dem Körper zu tun. Denn wirklich Anzukommen ist eigentlich nichts Anderes, als sich im eigenen Körper voll zuhause zu fühlen. Und das ist eine der Definitionen von Embodiment.
Falls du auch eine Vielreisende bist, teile gerne deine eigenen Ideen in den Kommentaren, um die Sammlung zu vervollständigen.
Den Ort begehen
Das menschliche Nervensystem ist so programmiert, dass es außerhalb der eigenen Höhle oft wachsamer bleibt als nötig. Denn wer weiß schon, von welcher Seite der Säbelzahntiger an einem fremden Ort angreifen wird? Sich durch die Räume zu bewegen und in jeden Winkel zu linsen, ob da keine Monster sitzen, kann deshalb ganz sprichwörtlich die Nerven beruhigen. Ein wenig, als würde ich meinem inneren Kind zeigen: „Schau! Da ist nichts unter dem Bett!“
An jeder Ecke langsam und gleichmäßig durchzuatmen hilft zusätzlich, das Nervensystem runterzufahren und sich mit dem fremden Ort anzufreunden. Wenn die Ausatmung länger wird und die Schultern ein Stück sinken, merkt das System: Ich habe Überblick, ich habe Boden unter den Füßen, ich bin hier nicht ausgeliefert.
Was hat das mit Embodiment zu tun? Sicherheit und Orientierung sind keine Kopfsache. Beides entsteht durch die körperliche Erfahrung im Raum. Genau das ist der Kern von Embodiment: Wahrnehmung, Bewegung und Atmung wirken direkt auf das autonome Nervensystem und beeinflussen so meinen inneren Zustand. Das Nervensystem lernt regelrecht Schritt für Schritt, dass dieser Ort keine Wildnis ist, sondern ein Platz, an dem ich bleiben und entspannen kann.
Auspacken lohnt sich immer
Ich packe gerne schnell aus. Ab 3 Nächten sicher, ab 2 Nächten zu großen Teilen. Nichts macht ein anonymes Hotelzimmer mehr zu meinem eigenen, als wenn meine Sachen sinnvoll verteilt sind. Ich mache mir den Raum damit regelrecht zu eigen.
Praktisch heißt das für mich:
- Waschsachen im Bad griffbereit hinstellen – nicht nur den geschlossenen Kulturbeutel (woher kommt dieses Wort eigentlich?)
- Kleidungsstücke, die ich sicher brauche, auspacken und aufhängen
- Auf der Fläche, die am ehesten als Tisch durchgeht, das Büro einrichten
- Den mitgebrachten Tee neben Wasserkocher und Tassen deponieren
Besonders viel Freude macht es mir, kreative Lösungen zu finden für einen Mangel an Abstell- oder Aufhängmöglichkeiten. Etwas, das in meinem Preissegment von Unterkünften doch recht häufig vorkommt. So bieten sich beispielsweise Gardinenstangen und ein zweites, ungenutztes Bett als Alternativen für Kleiderbügel oder Regale an. Der Karton meines neu gekauften Reiskochers verwandelt den Beistelltisch zu einem Stehpult, usw.
Wichtig: Beim Rausgehen unbedingt in alle Winkel schauen, damit nichts hängen- oder liegenbleibt!

Eine Duftmarke hinterlassen
Schon das Verteilen meiner paar Habseligkeiten hat bei genauerer Betrachtung etwas von „Revier markieren“. Das Räuchern gibt dazu noch die passende Duftnote!
Aber Scherz beiseite: Gerüche beeinflussen genau wie die Geräuschkulisse, das Spiel von Helligkeit, Dunkelheit, Enge oder Weite und der Charakter der Einrichtung mein subjektives Wohlbefinden in einem Raum. Mit anderen Worten: Sie wirken über mein Nervensystem auf mein Embodiment, also auf das, was ich in dem Raum verkörpere, wie ich hier bin und wie ich hier sein kann.
Die Möbel kann ich in der Regel nicht umstellen und das Zimmer meist nicht wechseln. Aber ich kann mit Räucherwerk einen neuen Duft in den Raum bringen – dezent natürlich wegen etwaiger Rauchmelder und der wechselhaften sozialen Verträglichkeit starker Gerüche.
Das Räuchern ist wie das Gegenstände und Kleidung Verteilen eine Form aktiver Aneignung des Raums durch den Körper. Je nach gewähltem Duft kann es außerdem die Stimmung aufhellen oder die Nerven weiter beruhigen. Dafür habe ich immer ein Stück Palisanto-Holz dabei, manchmal auch kleine Räucherstäbchen oder ein Bündel weißen Salbei.
Sicher würde für den Zweck auch ein Duftöl oder Raumspray funktionieren. Doch das Räuchern bringt noch andere Komponenten mit sich, die eine Duftöllampe nicht möglich macht: Es ist in vielen Kulturen ein sehr altes Ritual und trägt eine entsprechend starke Bedeutung.
Als Ritual kann es den Übergang bewusst machen und aktiv gestalten. Rituale reduzieren nachweislich Stress in unserem System, weil sie uns ein Gefühl von Handlungsfähigkeit und Kontrolle geben können. Das erdet. Weil ich dabei noch einmal sehr bewusst durch den Raum gehe und besonders auf Türen, Fenster und Raumaufteilung achte, verlangsamt es außerdem mein Ankommen und lässt mich sanfter landen.
Und dann gibt es noch die andere Dimension: Die Bedeutung des Räucherns ist in erstaunlich vielen Kulturen gleich. Das Verteilen von duftendem Rauch im Raum steht für Reinigung und Schutz. Von amerikanisch-indigenen Ritualen über balinesische Zeremonien bis zum Weihrauch in der christlichen Liturgie ist der Akt fest im archetypischen Gedächtnis der Menschheit verankert und universell gelernt. Selbst wenn wir die metaphysische oder energetische Ebene nicht teilen, wirkt schon die Bedeutungszuschreibung regulierend.

Für mich ist die energetische und metaphysische Wirkungsebene des Räucherns mal mehr und mal weniger präsent. Aber nach mehr als einem Jahrzehnt in Südostasien, wo es selbstverständlich zum Alltag gehört, mit nicht-körperlichen Wesen in Harmonie zu leben, schon lange kein Hokus-Pokus mehr.
Eine Balinesin hat mir jüngst erklärt, dass das Anzünden eines Räucherstäbchens auch eine Gabe an die Geister, körperlose Wesenheiten oder schlicht die Natur sein kann. Es ist eine sehr einfache Weise den Ort und alles, was mein Hiersein ermöglicht, zu ehren. Vor allem, wenn regelmäßige Opfergaben und Ehrbezeugungen nicht zum eigenen Repertoire gehören, kann das Räuchern eine unkomplizierte Geste des Respekts sein.
Wenn dich energetische Haus- oder Ortsreinigungen interessieren, schau mal bei Alexandra Sendlinger oder Carina Harbich rein, die faszinierende Erfahrungen auf diesem Gebiet teilen.
Rituale als Anker
Wenn ich häufig die Orte wechsle und sich neben den Betten, auch das Wetter, die Menschen und das Essen ändert, kreiere ich bewusst Stabilität durch Dinge, die ich regelmäßig mache. Zu gleichen Zeiten essen und schlafen gehört beispielsweise dazu, wenn ich es beeinflussen kann.
Noch wichtiger ist jedoch meine Embodiment-Praxis, irgendeine Form von bewusster Bewegung oder Kontemplation. Was auch immer zu der Zeit gerade mein Jam ist, mache ich so gut es weiter. Der Inhalt ändert sich nach Lebensphase und Bedarf, der Termin nicht. Auf diese Weise kann die Praxis eine Art Ritual werden, das mich ankert.
- Jeden Morgen in Stille sitzen für Meditation oder Intention-Setting für den Tag? Ich finde Sitzkissen auf dem Bett, einen Stuhl oder die Bettkante mit Ausblick.
- Jeden Morgen Yoga oder eine andere Bewegungspraxis? Die Reisematte ist auf jeden Fall im Gepäck.
- Ein Tagesorakel und Räucherwerk richten mich für den Tag aus? Dann reisen die Utensilien mit mir um die Welt und ich finde auch dafür eine ruhige Ecke im Raum.
- Eine Tasse Tee am Morgen als erstes Getränk? Neben dem unvermeidlichen Pfefferminz habe ich für alle Fälle Teebeutel dabei, die man kalt aufgießen und genießen kann.
- Journaling ist grade hoch im Kurs? Dann nehme ich möglichst regelmäßig das aktuelle Schreibheft für meine Reflektionen zur Hand.
Es spielt wirklich keine Rolle, was ich mache – Hauptsache, es ist vertraut und ich mache es regelmäßig. Denn auch ein Ritual wirkt nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen seiner Form.
Die Wiederholung, der feste Zeitpunkt, die gleiche Abfolge geben dem Nervensystem etwas Berechenbares inmitten all der Wechsel. Die Embodiment-Perspektive ist, dass hier Stabilität nicht durch den Ort entsteht, sondern durch das, was ich dort mit meinem Körper immer wieder tue.
Embodiment-Praxis zum Ankommen
Neben dem Praktischen und dem Metaphysischen gibt es natürlich auch eine Reihe ganz handfester Embodiment-Übungen, die mein Ankommen an einem neuen Ort unterstützen können. Eine Liste mit Praxis-Ideen, die dafür prinzipiell in Frage kommen, habe ich im Blog „Tipps zum Runterkommen“ zusammengestellt. Folgend aber mal meine aktuellen Favoriten:
Meditation „Ich bin hier“
Setze dich an eine Stelle im Raum, an der du dich wohlfühlst und entspannen kannst. Wenn vorhanden nutze einen Stuhl mit Lehne und platziere die Füße vollständig und parallel auf dem Boden vor dir. Rutsche auf dem Stuhl so weit nach hinten, dass du die Lehne spüren kannst. Lehne dich an.
Beginne die Meditation damit, dass du ganz bewusst die Kontaktpunkte deines Körpers mit dem Boden und dem Stuhl wahrnimmst. Also den Boden unter den Füßen, den Sitz unter dem Gesäß und die Lehne im Rücken. Spüre ganz neugierig dorthin und lass die Qualität der Unterstützung auf dich wirken.
Dann bringe deine Aufmerksamkeit zu deinem Atem. Nimm ihn zuerst so wahr, wie er ist. Spüre die Atembewegung in deinem Bauch. Nach einer Weile verbinde das Atmen mit dem Satz „Ich bin hier.“ Sprich ihn in Gedanken. Sage mit jeder Einatmung „Ich bin“ und mit jeder Ausatmung „hier“. Wiederhole das Atmen mit dem Satz für ein paar Minuten.
Zum Abschluss spüre noch einmal die Füße auf dem Boden. Wenn du magst, kannst du die folgende Übung direkt anschließen.
Eine Art Walking Meditation
Beginne indem du stabil auf deinen beiden Füßen stehst. Platziere sie parallel nebeneinander und richte dich zu deiner vollen Größe auf. Spüre den Kontakt deiner Füße zum Boden. Wie fühlt es sich an? Ist der Boden hart oder weich? Warm oder kalt? Für optimalen Spürsinn machst du die Übung barfuß oder in Socken.
Wenn du ein gutes Gespür für den Boden entwickelt hast, beginne ganz langsam durch den Raum zu gehen. Setze die Füße mit jedem Schritt ganz bedacht auf und mit der gesamten Fußsohle. Gehe viel langsamer als du normalerweise gehen würdest. Und am besten noch langsamer, als du denkst, wenn du das liest.
Gehe so ein paar Minuten ganz bewusst und Schritt für Schritt durch den Raum und sei ganz Fuß. Nichts anderes an dem Ort ist in diesem Moment von Bedeutung. Du kannst die erdende Wirkung noch intensivieren, indem du gerade Linien gehst.
Beende die Praxis, indem du noch einmal in Stille mit den Füßen direkt nebeneinander stehst. Und / oder nutze die nächste Übung als Abschluss.
Selbstumarmung
Mit einer Selbstumarmung kannst du dir selbst Halt geben. Du kannst die Arme ganz intuitiv um deinen Oberkörper legen oder wie im folgenden Bild einen Arm unterhalb der Brust legen und den anderen Arm schräg über die Brust führen, so dass die Hand auf der Schulter zum Liegen kommt. Dann neige das Ohr zu ebendieser Schulter und atme lang aus.
Wenn es sich gut anfühlt, drück dich selbst ein wenig. So wie du eine gute Freundin umarmen und drücken würdest.

Was sind deine Tipps & Tricks?
Nun bin ich neugierig? Was hilft dir? Wenn du auch viel unterwegs bist, wie richtest du dich ein in Hotelzimmern und Ferienwohnungen? Hast du auch kleine Hilfsmittel? Nutzt du bewusst oder unbewusst den Körper, um anzukommen?
Schreib mir gerne, was deine Erfahrungen sind.

Liebe Simona,
Dein Beitrag passt gerade wunderbar zu meiner eigenen Fortbildungswoche im Hotel – ich musste beim Lesen mehrfach schmunzeln
Statt Räuchern (Rauchmelder lassen grüßen) habe ich mich für einen per USB aufladbaren Duftzerstäuber mit destilliertem Wasser und einem ausgesuchten ätherischen Öl entschieden. Und es war wieder einmal erstaunlich, wie schnell sich der Raum dadurch vertraut anfühlte.
Der bewusste Start in den Tag mit einer Meditation hat mich spürbar schneller „im Hier und Jetzt“ ankommen und für den Tag ausrichten lassen, das Journaling am Abend hat den Tag rund geschlossen.
Und das Glück einer Badewanne hat es möglich gemacht, wirklich einmal komplett abzutauchen und den Tag körperlich von mir zu waschen.
Dein Gedanke, dass Ankommen im Körper beginnt, fühlt sich für mich sehr stimmig an.
Danke für diese greifbaren, alltagstauglichen Impulse.
Liebe Katja,
Nun schmunzele ich auch, während ich deinen Kommentar lese. Ist doch gut zu wissen, dass wir alle durch ähnliche, einfach menschliche Prozesse gehen auf Reisen! Freut mich, dass die Anregungen brauchbar sind!
Viel Freude mit dem Duften im nächsten Hotel
Simona