Die Reise zu meinen Werten war überraschend holprig. Sie ging entlang einiger Umwege. Ich kam vorbei bei meinen Stärken, bei meinen Schutzmechanismen aus der Kindheit und bei Wünschen, die eher aus einem Mangel erwachsen als aus einer Überzeugung. Manches davon wirkte wie ein Wert, war dann aber weniger ein Kompass als vielmehr die Ausrüstung für den Weg.
Das Bild der Werte als Kompass gefällt mir sehr gut. Denn dadurch wird klar, dass sie Wegweiser sind. Sie beschreiben nicht notwendigerweise, wie ich bin oder wie ich bitte schön sein sollte. Sie geben mir Orientierung.
Außerdem ist mir klar geworden, dass die Werte im Laufe eines Lebens reifen und sich in ihrer Priorität verschieben. Was mir jetzt wichtig ist, spielte vor 20 Jahren nur eine untergeordnete Rolle. In manchen Lebensbereichen und Beziehungen schimmern die Werte auch heute noch mehr durch als in anderen. Und wer weiß, was ich in 10 Jahren davon halten werde?
Die folgende Werteliste ist in jedem Fall nicht vollständig und jede Überschrift repräsentiert einen ganzen „Werteraum“.
Mein Wert Nr. 1: Mit Entdeckungsfreude um die Welt
Ich bin der Typ Frühling. Ich liebe das Lernen. Ich liebe es, Neuland zu entdecken und bin ziemlich leicht zu begeistern. Das heißt nicht, dass mich uneingeschränkt alles interessiert oder dass ich alles, was ich lerne, anwende oder behalte. Vor allem beim Sprachenlernen ist das ein bisschen schade. Aber wie spannend ist es bitte, mit einer neuen Sprache auch gleich eine andere Kultur von innen heraus zu verstehen?!
Neugier ist für mich eine echte Super-Power in schwierigen Situationen. Offen zu bleiben und Fragen zu stellen, hilft mir weiterzumachen, wenn es eng wird. Was steckt dahinter? Wie komme ich hier wieder raus?
Was ich an Neugier besonders liebe, ist ihr spielerischer und leichter Charakter. Neugierig und aufgeschlossen zu sein, hat eine sehr kindliche Energie, die frisch und unverbraucht ist. Als „beginner’s mind“ wie im Zen-Buddhismus kann sie eine regelrecht Praxis werden, als Forscherinnengeist unterwegs oder auf der Matte ist sie mein liebstes Mindset.
Die tiefe Sehnsucht, immer wieder Neuland zu entdecken, hat mich um die ganze Welt geführt. Andere Lebensweisen und Wertesysteme kennenzulernen, begeistert mich immer wieder – auch in Deutschland übrigens. Unterwegs darf es dann gerne auch etwas abenteuerlicher werden…
Schon mit Anfang 20 fing ich an die Welt zu bereisen. Schließlich habe ich mehr als 10 Jahre in Asien verbracht und jeden Tag als Wunder erlebt. Bis heute lebe ich meine Passion für’s Scouting beim Erkunden neuer Regionen aus und beim Gestalten abwechslungsreicher Reiserouten von Süditalien bis Südthailand.
Tatsächlich ist meine Entdeckungsfreude sehr eng verknüpft mit meiner Form von Kreativität. Denn die höchste Kunst ist doch wohl, aus den vielen kleinen Entdeckungen unterwegs eine Tour zu stricken, die auch andere begeistert! Oder aus den Entdeckungen auf der Yogamatte eine Sequenz von Körperhaltungen und Bewegungen zu gestalten, die in sich stimmig ist und wirksam.
Die Liebe zum Lernen hat mich zudem zu einem echten Workshop-Junkie werden lassen. Es gibt so unglaublich viel zu entdecken da draußen! Wenn der Tag doch nur 30 Stunden hätte und ich nichts anderes machen müsste als reisen und lernen…
Doch vielleicht ist ja das ganze Leben eine Entdeckungsreise? Es geht mir auf jeden Fall am besten, wenn ich die Liebe zum Lernen auch in den alltäglichen Lebenssituationen wieder finde, die unangenehm sind oder herausfordernd.
Mein Wert Nr. 2: Auf Wahrheitssuche tief tauchen
Auf den ersten Blick erschienen diese ersten beiden Werte sehr ähnlich. Beide haben mit Neugier zu tun und mit der Sehnsucht, alles verstehen zu wollen. Aber während die Entdeckungsfreude leicht und spielerisch ist, erlebe ich die Wahrheitssuche als ernsthaft und tiefgründig.
Meine Wahrheitsliebe lässt mich sehr gründlich sein. Das kann super nervig werden. Einen Blogbeitrag wie diesen zu schreiben, dauert gefühlt ewig. Und viele Perspektiven im Blick zu haben, geht schnell mal gegen die eigenen Interessen.
Aber ich kann nicht anders. Ich hinterfrage immer, ob es stimmt, was ich sage. Und ich stelle mir automatisch vor, was eine Situation für die andere Seite bedeutet. Manchmal lähmt mich das. Aber oft wirkt es auch befreiend, den Elefanten im Raum zu sehen oder in schwierigen Situationen die Perspektive wechseln zu können. (Es auszusprechen oder danach zu handeln steht wieder auf einem anderen Blatt.)
Regelrecht gelernt habe ich den Perspektivwechsel in meinen Jahren als Journalistin. Die Suche nach größtmöglicher objektiver Wahrheit und Neutralität in einem Bericht gehört (gehörte?) zum Ehrenkodex der schreibenden Zunft. Heute macht es mich wahnsinnig, wenn Meinungen und Geschichtsdarstellungen undifferenziert in die Welt trompetet werden. Wenn für Klicks und Umsatz jede ausgewogene Darstellung den Bach runtergeht und alles nur noch schwarz-weiß aussieht. Hauptsache laut, Hauptsache emotional.
Aber das kann nie die Wahrheit sein! Die Welt ist voller Nuancen. Nicht nur voller Grautöne, sondern kunterbunt. Der Wille zur Manipulation und Lüge, den ich im aktuellen Informations-Overload wahrnehme, finde ich besorgniserregend, denn er spaltet.
Echte Klarheit haben zu wollen (über mich selbst, meine Lebenssituation und die Welt), fordert mich dabei immer wieder heraus, selbst genauer hinzuschauen. Wie sehr wünsche ich mir mehr Aufrichtigkeit und Integrität in dieser Welt. Aber es ist natürlich leichter gesagt als getan. Immer mehr in meiner eigenen Integrität zu stehen, ist sicher ein erster Schritt in diese Richtung.
„Reisen ins Hier“, der Name meiner Yoga- und Embodiment-Unternehmung, soll auch das ausdrücken. Eine Reise zu dem, was im Hier und Jetzt alles wahr ist. Das ist zugleich eine Reise in mein authentisches Selbst und damit der Weg zum Ganzsein, dem letzten Wert in dieser Liste.
Mein Wert Nr. 3: Ganzsein gibt mir Sinn
Beim Reisen habe ich viel entdeckt von der Welt und von mir selbst. Es hat mich ganzer gemacht und gleichzeitig gezeigt, wo ich nicht ganz ganz bin.
Denn ein anderes Umfeld kitzelt Qualitäten aus uns heraus, die wir zuhause nicht oder nicht so gut ausleben können. Eine andere Kultur ist ein wunderbarer Spiegel für die eigenen Vorlieben, Vorurteile und Leerstellen. Menschen, die wir „zuhause“ nie kennenlernen würden, konfrontieren uns mit anderen Realitäten, Weltbildern und Lebensmöglichkeiten.
Spannenderweise funktionieren solche Entdeckungsreisen auch, wenn ich mich bewusst bewege. Also beim Yoga, im Embodiment, mit Achtsamkeit und generell bei bewusster Körperarbeit, also jeder Form von Somatik, Tanz, etc.
Auf beiden Wegen kann ich mehr von mir kennenlernen und ans Licht bringen. Ich kann verborgene Qualitäten stärken und mir dadurch mehr innere Balance schenken, nicht weitermachen mit dem Immer-Selben. Vielleicht mag ich nicht alles, was ich entdecke. Aber es macht mich in jedem Fall „ganzer“ und vollständiger.
Eine Mentorin von mir nannte all ihre Facetten, Qualitäten und Gefühle ihren „inneren Wanderzirkus“. Das Bild gefällt mir besonders als Ewig-Reisende ausgesprochen gut. Ein Zirkus voller inneren Anteile, die ich mehr oder weniger prima finde. (Und die auf Reisen immer alle mit dabei sind – egal wie weit und wie fremd!)
Einige von denen wollen am Trapez durch die Lüfte schwingen, manche lustig weiterfahren, andere lieber elefantig in der Ecke liegen. Da gibt es schonmal Clinch miteinander. Das ist anstrengend. Innere Konflikte kosten Kraft. Dann funktioniert der Zirkus nicht so reibungslos.
Ganzsein bedeutet, dass ich all das mitkriege, mich spüre und dass ich übe zu akzeptieren, was ich wahrnehme. Am besten erstmal alles. Also Selbstakzeptanz von dem Ganzen. Oder Ankommen bei mir selbst, wie es heute oft so schön heißt. Das bringt mir innere Ruhe und Ausgeglichenheit und einen Wanderzirkus, der weiterwandern kann.
In diesem Sinne ist Ganzsein für mich Ausdruck von Gesundheit, von einem gesunden Geist in einem gesunden Körper. Gesundheit in jeder Form ist die Grundlage für alles, was ich im Leben machen möchte und mit jedem Lebensjahr weniger verhandelbar. Gesunde Ernährung, Bewegung und der Verzicht auf möglichst alles, was toxisch ist, sind mir daher in den vergangenen Jahren super wichtig geworden. Die ganzheitliche Philosophie des Yoga war mir darin ein wichtiger Wegweiser.
Letztlich ist Ganzsein für mich die Voraussetzung für jede echte Verbindung. Die Verbindung mit mir selbst, aber auch die Verbindung mit anderen Menschen und mit der Natur. Denn nur wenn ich mich selbst spüre und akzeptiere, kann ich mich einbringen, kann etwas geben und empfangen, was andere mir anbieten. Und ich kann beitragen zum Gelingen des Gesamtprojektes friedlich auf dem Planeten leben, ohne ihn zu zerstören.
Fazit
Die kürzeste Zusammenfassung der drei Werte, die ich hier ausgewählt habe, klingt für mich so: Die Entdeckungsfreude bringt Leichtigkeit und Spaß in mein Leben. Ganzsein ist der Pol, der mir Ruhe und Frieden bringt im Innen und Außen. Und die Wahrheitssuche verbindet beides durch das Streben nach Klarheit und Tiefe.
Mich mit meinen drei wichtigsten Werten auseinanderzusetzen war ein super spannender Prozess, den ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann. Er hat ein neues und tieferes Verständnis für meine Entscheidungen in der Vergangenheit gebracht. Und er hat mir gezeigt, welche Werte mir auch noch wichtig sind, die aber noch etwas reifen dürfen.
Sehr hilfreich für den Einstieg fand ich diesen Werte-Test. Keiner der Werte, die ich schlussendlich für mich herausgearbeitet habe, steht so in der Liste. Aber es war ein sehr guter Gedankenanstoß.
Kennst du deine 3 wichtigsten Werte? Ist es leicht für dich, sie zu benennen? Schreib mir gerne in den Kommentaren, denn ich bin neugierig!

Danke liebe Simona, für die Beschreibung deiner drei Werte. Ich hab mich sofort auch als Frühlingstyp identifizieren können und auch die anderen beiden Werte entsprechen auf den ersten Blick sehr meinem Wertesystem. Würde mich jemand unvermittelt nach meinen wichtigsten Werten fragen, hätte ich die nicht einfach so rausballern können, sondern hätte erst mal richtig nachdenken müssen, obwohl es doch so klar ist, wenn man’s es denn hier so liest.
Lieber Roland,
Ich fand es auch nicht so trivial, mich auf 3 Werte festzulegen. Der Test hat auf jeden Fall geholfen und auch die Abgrenzung zu anderen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Den Frühlingstyp sehe ich definitiv in dir. Ansonsten lass ruhig mal weiterplaudern, was für dich sonst noch wichtig oder wichtiger ist. Finde den Austausch spannend!
Liebe Grüße
Simona