Das menschliche Leben findet in Zyklen statt. Alles, wirklich alles, hat einen Anfang, einen Höhepunkt mit Fülle, ein Abklingen und Loslassen und schließlich das Ende. Das gilt für den Jahresverlauf mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter, für das menschliche Leben von Geburt bis Tod genauso wie für mein Frühstück, Urlaube, das nervige Projekt im Job oder das Staubsaugen.

Die Beispiele machen schon klar, dass wir die Phasen nicht in allen Lebensbereichen gleich gerne und gleich intensiv ausleben. Altern als Herbst des Lebens etwa ist eher unpopulär, die wenigsten mögen das Ende eines Urlaubs oder Abschiede. In anderen Fällen wie dem Beginn eines unliebsamen Projektes mag uns dagegen der Frühling schwerfallen.

Das Spannende: Es gibt in diesen Zyklen gesamtgesellschaftliche Vorlieben und ganz persönliche Tendenzen. Und zwar auf der meteorologischen wie auf der sinnbildlichen Ebene.

Eine Freundin erzählte mir neulich zu meiner großen Überraschung, dass der Frühling nicht so ihr Ding sei. Das kuschelige Drinnensein im Winter, nirgendwo hin zu „müssen“ und draußen nichts zu verpassen, habe ihr ziemlich gut getan. Generell tue sie sich mit Veränderung eher schwer. Für mich hingegen kann der Sommer gar nicht lange genug dauern. Nicht umsonst habe ich fast alle Winter seit 2011 in tropischen Gefilden verbracht.

Als Sommertyp kommt bei mir aber etwas anderes zu kurz: Das Ernten und Abschließen, das der Herbst mit sich bringt und die Ruhepausen des Winters habe ich nicht besonders häufig im Repertoire. Und damit bin ich bei Weitem nicht allein.

Tatsächlich feiert unsere Wirtschaft und Gesellschaft geradezu systematisch Frühling und Sommer in Form von ständigen Neuheiten, Wachstum, jugendlicher Leistungsfähigkeit und seit Social Media dauernde Sichtbarkeit. Die Konsequenz: Herbst und Winter sind nicht nur im Jahresverlauf unbeliebt, im übertragenen Sinn stehen sie auf einem kulturellen Abstellgleis.

Zeit für eine kritische Hinterfragung und Neubetrachtung aus Embodiment-Perspektive!

Für alle Frühlingstypen und solche, die es werden wollen, biete ich außerdem am Sonntag, den 12. April, eine ganze Yoga-Einheit zum Thema „Frühlingserwachen“ an. Eine Embodied Yoga-Sequenz, bei dir wir ganz gezielt eine bestimmte Qualität in unseren Körper einladen.

Die Jahreszeiten als Landkarte für den Alltag

Die Idee, das Leben in Jahreszeiten zu denken, ist alles andere als neu. Ayurveda und Traditionelle Chinesische Medizin orientieren sich seit Jahrtausenden an jahreszeitlichen Rhythmen für Ernährung, Schlaf und Entgiftung. Die keltischen Feste wie Samhain oder Imbolc sind im Grunde ein spiritueller Jahreszeiten-Kalender des inneren Lebens. Viele indigene Kulturen weltweit leben diesen Rhythmus als selbstverständliche Grundstruktur in ihrem Zusammensein.

Ich sehe die Jahreszeiten wie eine Landkarte, die mir eine grobe Orientierung gibt, wo ich ungefähr stehe. Ich verstehe, wie ich Dinge tendenziell angehe, was mir schwerfällt und was ich liebe. Es geht dabei nicht darum, das eigene Leben in eine starre Schublade zu stecken oder damit die Welt zu erklären. Das funktioniert schon deswegen nicht, weil viele Weltregionen andere Jahreszeiten haben als meine Heimatregion Europa.

Plus wir sind mit verschiedenen Lebensbereichen und Beziehungen immer in unterschiedlichen Zyklen gleichzeitig. Die neue Wohnung oder Beziehung bringt vielleicht massive Frühlingsenergie mit sich, während das nahende Ende einer Weiterbildung oder der Abschied von einem lieben Menschen nach herbstlicher Integration ruft.

Was die Metapher so hilfreich macht: Sie normalisiert alle Phasen. Anders als Werbung, Wetterapp-Emojis und Postkarten vermuten lassen: Keine Jahreszeit ist besser oder schlechter. Jede hat eine wichtige Aufgabe.

Die folgende Charakterisierung ist zugleich eine Einladung hinzuspüren, was dir vertraut ist und was eher fremd, wo du Vorlieben hast und wo Abneigungen. Am Ende des Artikels folgen ein paar kleine Embodiment-Übungen zur Qualität jeder Jahreszeit, die ein Einstieg für mehr Balance in dieser Hinsicht sein können.

Frühling: Aufbruch, Öffnung, der erste Atemzug

Genau wie in der Natur richtet sich die Energie des Frühlings nach außen. Alles sprießt und keimt. Die Vögel singen lauter. Die Menschen kommen aus ihren Häusern. Neustart liegt in der Luft.

Im Körper zeigt sich der Frühling oft als Leichtigkeit: ein offenes Atemgefühl, Bewegungsfreude, eine gewisse Beschwingtheit. Der Körper möchte sich recken und strecken, nach draußen, in den Raum hinein. Emotionen wie Neugier, Aufbruchslust und Vorfreude begleiten diese Phase. Manchmal aber auch eine leichte Zerstreutheit. Wenn plötzlich alles möglich scheint, kann der Fokus leiden. Der Frühlings-Mensch fängt gerne fünf Dinge gleichzeitig an und hat schnell Angst, etwas zu verpassen.

Leitfrage: Worauf bin ich gerade neugierig? Was will in mir entstehen?

Sommer: Fülle, Feuer, die Kunst des Nicht-Überhitzens

Der Sommer ist die Jahreszeit der vollen Entfaltung. Die Energie ist auf dem Höhepunkt, die Tage lang, die Verbindung nach außen leicht. Dinge entstehen, Projekte tragen Früchte, das Leben fühlt sich rund an.

Im Körper spüren wir Wärme, Kraft und Präsenz. Emotionen wie Freude, Selbstwirksamkeit und Verbundenheit sind typisch für diese Zeit. Menschen im Sommer strahlen und andere spüren das. Im weiblichen Zyklus ist das die Phase des Eisprungs.

Aber: Jede Jahreszeit hat ihre Schattenseite. Der Sommer kann überhitzen. Wer dauerhaft im Sommer-Modus bleibt, wer immer gibt, immer präsent ist, immer strahlt, der verbrennt irgendwann. Erschöpfung, Reizbarkeit, das Gefühl, leer zu sein, obwohl man doch gerade so viel macht, können Zeichen sein, dass der Sommer zu lang gedauert hat.

Leitfrage: Wofür brenne ich gerade und brenne ich noch, oder glimme ich nur noch?

Herbst: Ernte, Verdauung, das Loslassen lernen

Der Herbst ist die Jahreszeit des Einsammelns. Die Natur zieht sich zurück, das Licht wird anders, die Farben wärmer und tiefer. Was im Frühling gesät und im Sommer gewachsen ist, darf jetzt geerntet werden.

Im Körper fühlt sich der Herbst schwerer an – im guten Sinne. Geerdet. Langsamer. Nach innen gerichtet. Eine gewisse Melancholie gehört dazu, manchmal auch Sehnsucht. Das ist kein Defekt, sondern Teil der Verarbeitung. Der Herbst ist emotional vielleicht die reichste Jahreszeit: Dankbarkeit und Loslassen-Müssen liegen dicht beieinander.

Und genau da liegt für viele von uns die größte Schwäche: Wir ernten nicht. Oder wir ernten, kippen die Früchte irgendwo auf einen Haufen und ziehen dann sofort weiter. Das bewusste Sortieren, Auswerten und Einordnen bleibt aus. Das gilt für jede Art von Konsum – von Nachrichten über Freizeiterlebnisse und Begegnungen bis zum Essen selbst. Wir sammeln Informationen und Erfahrungen und machen nicht wirklich viel damit.

Leitfrage: Was hat diese Aktion oder Begegnung mir wirklich gebracht? Was will ich behalten und was darf gehen?

Winter: Stille, Rückzug – und warum das kein Versagen ist

Der Winter hat ein Imageproblem. In der westlichen Gegenwartskultur ist er die ungeliebte Jahreszeit, nicht nur meteorologisch, sondern als innerer Zustand. Wer sich zurückzieht, wenig produziert, viel schläft und kaum sichtbar ist, gilt schnell als faul, deprimiert oder zumindest verdächtig untätig.

Dabei ist der Winter in fast allen älteren Kulturen eine Zeit der Tiefenarbeit. Das Myzel etwa, der unterirdische Teil eines Pilz-Organismus, wächst im Winter. Die Wurzeln von Pflanzen graben sich tiefer. Was von außen wie Stillstand aussieht, ist von innen oft hochaktiv, nur unsichtbar.

Im Körper fühlt sich der Winter als Rückzug an: mehr Schlafbedürfnis, weniger Appetit auf Reize und Input, eine Schwere, die sich – wenn man sie lässt – gar nicht unangenehm anfühlt. Emotionen können Stille und Frieden sein, aber auch Einsamkeit oder eine diffuse Angst vor dem Nichtstun. Letzteres ist meist kulturell erlernt. Die Botschaft, dass Wert an Output hängt, sitzt tief.

Der Winter ist nicht Leere. Er ist Vorbereitung. Ohne die Ruhe und Erholung gibt es keinen echten Frühling.

Leitfrage: Was brauche ich gerade wirklich und was darf ich mir erlauben, ruhen zu lassen?


Bevor wir anschauen, warum das so ist, vielleicht ein kurzer Moment zum Innehalten?

Was ist deine Lieblings-Saison? Wo fühlst du dich spontan am meisten hingezogen? Gehörst du zum Team Sommer so wie ich und ein großer Teil vom Rest unserer Gesellschaft? Oder schätzt du den Rückzug und die Tasse Tee am Kamin?

Warum Frühling und Sommer die Lieblinge der Moderne sind

Die Logik hinter der Vorliebe für Frühling und Sommer ist zunächst eine ökonomische. Wachstum verkauft sich. Aufbruch, Expansion, Konsumfreude sind Frühlings- und Sommerenergien, und sie passen gut zu ständig neuen Produkten, Black-Friday-Wochen und Quartalszielen. Dazu kommt eine Bild- und Medienkultur, die Jugend, Aktivität und Sichtbarkeit idealisiert. Wer verdaut, integriert oder ruht, macht sich unsichtbar, und dafür gibt es keine Likes.

Aber es gibt auch einen psychologischen Grund, den ich mir selbst nur ungern eingestehe: Aufbruch und Optimismus sind leichter zu ertragen als Abschied, Trauer und Vergänglichkeit. Die Kultur flieht lieber in Abenteuer-Narrative und Neuheiten statt schwierige Situationen anzupacken oder unliebsame Emotionen auszuhalten. Solange ich mich neu erfinde, muss ich nicht innehalten und schauen, wo es klemmt.

Das Ergebnis: Herbst und Winter als innere Zustände werden leicht an den Rand gedrängt. Integration und bewusstes Innehalten sind keine Kategorien, die in Leistungsgesellschaften viel Applaus bekommen. Pausen gelten schnell als ineffizient. Und so essen wir unser Lunch am Schreibtisch oder im Auto zwischen zwei Terminen. Und wer sagt, dass er oder sie gerade eine ruhige Phase braucht, muss das oft noch rechtfertigen – vor anderen und vor sich selbst!

Die Jahreszeiten im Einsatz

Die gute Nachricht: Wir brauchen keinen gesellschaftlichen Wandel, um unsere eigenen Jahreszeiten zu leben. Auch wenn es natürlich schön und hilfreich wäre… Wir können jetzt schon die Landkarte der Jahreszeiten als Wegweiser nehmen für die kleinen Entscheidungen im Alltag:

  • Welche Jahreszeit bin ich gerade?
  • Und was braucht dieser Moment oder diese Phase in meinem Leben wirklich: Aufbruch oder Einordnung, Vollgas oder Rückzug?
  • Was wäre ein kleiner Schritt in diese Richtung?

Das Benennen allein ist der Anfang. Und wer weiß, welche Jahreszeit gerade den Takt vorgibt, kann sie bewusst nutzen oder in eine andere wechseln.

Wenn du willst, kannst du das direkt ausprobieren. Hier sind vier kleine Körperübungen, eine für jede Jahreszeit. Such dir aus, was gerade zu dir passt, oder was sich am ungewohntesten anfühlt.

Frühling – Öffnung spüren: Finde einen stabilen Stand mit den Füßen etwa hüftbreit. Dann kreise die Arme langsam vor dem Körper nach oben, als würdest du einen Pullover ausziehen. Oben angekommen öffnen sich die Arme und Hände. Schau nach oben in diese Lücke, lass die Arme dann wieder sinken und wiederhole das Kreisen immer mit dem Blick nach oben in die langsam entstehende Öffnung. Kombiniere es mit deiner Atmung: Bei der Armbewegung nach oben atmest du ein, wenn die Arme sinken, atmest du aus. Du kannst die Wirkung noch verstärken, indem du beim Blick nach oben Augen und Mund weitest und „Wow“ sagst.
Spüre: Was will sich gerade öffnen in mir? Was darf an Neuem kommen?

Sommer – Feuer orten: Nimm die Yoga-Haltung der Kriegerin II ein: Tritt mit einem Bein einen großen Schritt nach vorne, beuge das vordere Bein so, dass das Knie über dem Fußgelenk bleibt. Das hintere Bein bleibt lang. Der hintere Fuß dreht sich 90 Grad zum vorderen. Beide Fersen sind etwa auf einer Linie. Aktiviere beide Beine, schiebe die Füße mit Muskelkraft in den Boden. Dann hebe die Arme und bringe sie parallel zum Boden über den Beinen. Der Oberkörper ist direkt über dem Becken. Dein Blick geht nach vorne über die Fingerspitzen der vorderen Hand. Finde einen Punkt und fixiere ihn für mindestens eine Minute.
Frage dich innerlich: Wo ist gerade mein Fokus? Was läuft gerade? Bonus: Wieviel Energie kostet es mich und passt das?

Herbst – Ernten, was war: Nimm dir ein Notizbuch und schreib fünf Minuten lang, was war. Nicht bewerten, nicht analysieren, nur sammeln. Lass die Hand führen, nicht den Kopf. Lies am Ende noch einmal, was du geschrieben hast, und unterstreiche einen Satz, der sich wie ein Schatz anfühlt.

Winter – Ankommen in der Stille: Leg dich hin oder setz dich an einen ruhigen Ort. Leg die Arme um dich selbst. Atme dreimal lang aus, länger als du einatmest. Erlaube dir, für diesen Moment nichts zu wollen, nichts zu lösen, nichts zu produzieren, sondern einfach da zu sein.

Viel Freude damit! Ich bin gespannt, welche Wirkung die Landkarte und die Übungen bei dir entfalten. Wenn du magst, schreib mir, welche Jahreszeit du am leichtesten verkörperst und welche du dieses Jahr bewusst erforschen willst.

Für alle Frühlingstypen und solche, die es werden wollen, biete ich außerdem am Sonntag, den 12. April, eine ganze Yoga-Einheit zum Thema „Frühlingserwachen“ an. Eine Embodied Yoga-Sequenz, bei dir wir ganz gezielt eine bestimmte Qualität in unseren Körper einladen.

  • Liebe Simone,

    dein Artikel hat mich auf eine ganz stille und gleichzeitig sehr klare Weise berührt.

    Während ich gelesen habe, wurde mir noch einmal bewusst, wie sehr ich die Jahreszeiten bereits in mir erlebe und verkörpere.
    Gerade dieser vergangene Winter war für mich eine Zeit des Rückzugs – nicht aus Mangel, sondern aus einem tiefen Bedürfnis heraus.
    Und jetzt, ganz langsam, spüre ich, wie neue Kraft entsteht. Wie etwas in mir wieder aufbrechen und sich zeigen möchte.

    Deine Worte haben diesem inneren Erleben eine Sprache gegeben – und dafür bin ich dir sehr dankbar.

    Besonders schön finde ich deine Einladung, wieder mehr in Einklang mit der Natur zu kommen.
    Für mich ist das kein „Zurück“, sondern ein Erinnern:
    daran, dass wir im Kern verbunden sind.

    Von Herzen Danke für diesen achtsamen, nährenden Impuls

    Ganz liebe Grüße
    Katja

    • Liebe Katja,
      Dank dir für diese wunderbare Rückmeldung. Du hast recht, es ist ein Erinnern an Rhythmen, die in jeder von uns von Natur aus angelegt sind.
      Wie schön, dass du den Winter als Zeit des Rückzugs gestalten konntest. Das ist wirklich kostbar.
      Schöne Grüße
      Simona

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