Embodiment kommt aus dem Englischen und heißt direkt übersetzt Verkörperung. Das deutsche Wort erzählt allerdings nicht alles, was Embodiment ausmacht. Ganz kurz gefasst geht es beim Embodiment um die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist. Aber was heißt das im Detail?
Embodiment ist, was du verkörperst
Zuerst einmal bedeutet Verkörperung ganz einfach, eine Emotion oder innere Haltung über den Körper auszudrücken – durch Körperhaltung, Gesichtsausdruck, Gesten und die Art der Bewegung. Wenn ich beispielsweise niedergeschlagen bin, sind meine Schultern eher nach vorne gerollt und der Kopf leicht geneigt. Wenn ich mich freue, habe ich den Kopf gehoben und die Schultern weiter hinten, vielleicht ein wenig die Brust rausgestreckt.
Alles, was wir im Inneren erleben, zeigt sich in irgendeiner Weise auch im außen – selbst wenn es nur minimal ist. Beispiele sind Qualitäten wie Zuwendung und Ablehnung, Traurigkeit und Freude, Antriebskraft oder Rückzug.
Wenn ich jemanden mag, werde ich im Gespräch mit der Person anders zusammensitzen, als wenn ich jemandem ablehnend gegenüber stehe. Mein Körper zeigt es in seiner Körpersprache. Und zwar, ob ich will oder nicht. Es sei denn, ich habe es bewusst oder unbewusst trainiert, niemals zu zeigen, was in mir vorgeht. Aber selbst dann würde ich etwas verkörpern – nämlich Verschlossenheit oder Distanziertheit.
Embodiment passiert ständig
Tatsächlich verkörpern wir alle in jeder Minute irgendetwas. Nimm dich selbst zum Beispiel: Wie hältst du dich, während du das liest? Was verkörperst du? Bist du offen und neugierig oder zurückhaltend und kritisch? Ob du willst oder nicht – du verkörperst in diesem Moment eine bestimmte Haltung. Das ist ganz natürlich.

Im Bild verkörpere ich eine Betrachterin. Eventuell urteile ich, vielleicht bin ich kritisch oder eine ganz neutrale Beobachterin. Der Körperausdruck kann unterschiedliche Nuancen haben, die aus der Situation oder dem Umfeld entstehen. Was drückt die Haltung für dich aus, wenn du sie siehst? Was verkörpere ich? Wie fühlt es sich für dich an, wenn du selbst diese Haltung einnimmst? Was erlebst du im Innern? Nimm dir einen Moment und spüre rein!
Embodiment ist die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist
Neben der direkten Übersetzung „Verkörperung“ bezieht sich der Begriff Embodiment außerdem auf eine bestimmte Wechselwirkung zwischen Körper und Geist.
Wie oben beschrieben, wirkt sich meine Stimmung unweigerlich auf meinen Körperausdruck aus, also auf mein Embodiment. Aber es geht auch umgekehrt! Wenn ich mich richtig niedergeschlagen halte, wird es schwer werden mit optimistischen Gedanken und Begeisterungsstürmen. Wähle ich dagegen eine Haltung von Offenheit und Freude, hebe also meinen Kopf und weite meine Brust, kann ich mich auch leichter öffnen für andere Perspektiven.
Wichtige Zutat für Embodiment als Praxis in diesem Sinne ist die klare Absicht in meinem Tun, eine gewisse Dauer der Haltung oder Bewegungsart und die ungeteilte Aufmerksamkeit für das, was ich mache.
Die konkreten Auswirkungen von Körperhaltung und nonverbaler Kommunikation auf Psyche, Verhalten und Hormone hat beispielsweise die amerikanische Sozialpsychologin Amy Cuddy untersucht. Ihre bekannteste Forschung zum „Power Posing“ aus dem Jahr 2010 dreht sich um die Idee, dass das Einnehmen von „Machtposen“ wie einen besonders breiten Stand oder dem Sitzen mit Händen hinter dem Kopf, das Selbstbewusstsein steigern und Stress reduzieren kann.
In diesem kurzen Videoausschnitt erkläre ich noch einmal in meinen Worten, was Embodiment ist und nehme dich mit in eine Mini-Übung (2 Minuten insgesamt):
Was ist der Unterschied zwischen Embodiment und Psychosomatik?
Mittlerweile recht weit bekannt ist der medizinische Ansatz der Psychosomatik (mögliche Übersetzungen sind „Psyche“ = „Geist“ und „Soma“ = „Körper“). Sie untersucht, in welcher Weise psychische Faktoren wie Stress, Angst oder Traumata körperliche Beschwerden beeinflussen, aber auch umgekehrt die Auswirkungen körperlicher Erkrankungen auf die Psyche.
Embodiment hingegen befasst sich nicht mit Erkrankungen, sondern betrachtet die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist auf einer feinstofflicheren Ebene. Es geht um den Körperausdruck und seine Beziehung zu Emotionen und Gedanken.
Das Konzept kommt ursprünglich aus der Kognitionswissenschaft und findet in den letzten Jahren immer mehr Eingang in Psychologie, Therapie und Coaching.
Embodiment ist eine Achtsamkeitspraxis
Wenn ich Embodiment praktiziere, brauche ich meine ganze Aufmerksamkeit. Wenn ich die Haltungen und Bewegungen mechanisch und nebenher ausführe, haben sie nicht dieselbe Wirkung. Diese besondere Verbindung zwischen Geist und Körper nennt man auch Achtsamkeit.
Anders als bei Methoden wie Yoga oder Feldenkrais gibt es im Embodiment keinen festen Kanon von Formen oder Abläufen, die man üben könnte. Es ist ein nicht eine einzelne Methode, sondern vielmehr ein weites Feld, das sich in Teilen mit der Somatik überlappt. Viele Disziplinen der bewussten Körperarbeit wie Yoga, Qi Gong, Tai Chi, Aikido, Tanz oder Improvisationstheater arbeiten mit Embodiment.
Das Ziel im Embodiment ist es, durch bewusstes Üben Wahrnehmung und Wahl zu stärken. Mehr Wahrnehmung bedeutet, dass ich mehr mitbekomme von dem, was in mir los ist und was in der Situation passiert. Wenn ich das klar habe, kann ich bewusst wählen, was ich machen möchte statt blind und impulsiv zu reagieren.
Was bringt Embodiment?
Embodiment dient der Selbsterfahrung, es hilft bei der Persönlichkeitsentwicklung und es stärkt meine Resilienz, also meine psychische Widerstandsfähigkeit. In all dem bringt es mich näher zu mir selbst und bereichert mein Leben.
Selbsterfahrung
In ungewohnten Haltungen und Bewegungen kann ich etwas über meine innere Haltung lernen, wenn ich sie langsam und bewusst ausführe. Wenn ich beispielsweise mit meinem Körper ein „Nein“ ausdrücke, erlebe ich diese Haltung eventuell als sehr unangenehm und erfahre dadurch, wie schwer es mir fällt, tatsächlich „Nein“ zu sagen.
Fühle ich mich in dem Körperausdruck sehr zuhause, kann ich umgekehrt durch gezielte Fragen wahrnehmen, in welchen Lebensbereichen meine Ablehnung zu hart sein könnte.
Persönlichkeitsentwicklung
In den Bereich der Persönlichkeitsentwicklung geht Embodiment, wenn ich einen solchen Körperausdruck nutze, um mein Verhaltens-Repertoire zu erweitern. Wenn ich zu viel oder zu wenig „Nein“ sage, kann ich mit der äußeren Haltung eine neue Qualität oder eine andere Form davon in mein Leben einladen. Mit Praxis kann ich meine innere Haltung oder mein Muster ergänzen oder verändern.
Gut zu wissen: 30 Sekunden in einer freudvollen Haltung beendet keine Depression. Und 1x wöchentlich im Yoga die Haltung der Kriegerin für 5 Atemzüge zu halten, macht aus mir noch keinen entschiedenen Menschen.
Aber wenn ich eine Haltung oder Bewegungsart länger übe oder täglich wiederhole, unterstützt das gewählte Embodiment jeden Veränderungsprozess viel nachhaltiger als es ein reiner Gedankenprozess tun würde.
Ein gutes Beispiel wäre die mögliche Transformation eines ängstlichen Menschen durch eine längere Praxis einer Kampfkunst wie Karate. Wenn ich immer wieder die Qualität einer Kampfsportart bewusst verkörpere, wird die Haltung, die dahinter steckt, früher oder später auch auf meine innere Haltung abfärben.
In gleicher Weise kann eine Tanzform wie Salsa mit ihren weichen, fließenden Bewegungen und dem Kontakt zu anderen Tanzenden einem stark strukturierten, zielorientierten oder reservierten Menschen in Verbindung mit seinen softeren Anteilen bringen und diesen mehr Raum geben. Das kann sich dann auch in anderen Bereichen auswirken.
Stärkung von Resilienz
Mit Embodiment kann ich mich wieder zurück in meine Mitte bringen, wenn ich neben mir stehe und gerade keine Zeit habe für Yoga oder Meditation. Denn meine Haltung kombiniert mit Gesichtsausdruck und Gesten oder eine bestimmte Art der Bewegung kann auf den verschiedensten Ebenen wirken:
- Energielevel (unruhig zu ruhig, von passiv zu aktiv)
- Stimmung und Emotionen (von niedergeschlagen zu neutral, von neutral zu zufrieden)
- Qualität von Gedanken (von rasend zu geordnet, von träge zu aufgeweckt)
Es gibt jede Menge kleine Techniken, die ich nutzen kann, um schneller zurückzukommen in einen Zustand der Ausgeglichenheit. Und nichts anderes ist Resilienz – nämlich die Fähigkeit unangenehme Situationen und Veränderungen relativ schnell navigieren zu können.
Ein gutes Beispiel dafür ist meine Übung „Eile mit Weile“ (11:40 Minuten), die ich an einem windigen Tag in Thailand aufgenommen habe – also auch mittendrin statt nur dabei.
Wenn du sie ausprobieren möchtest, brauchst du etwas Raum zum Gehen:
Erste Schritte mit Embodiment
Der erste Schritt mit Embodiment ist das Training deiner Wahrnehmung. Du kannst direkt jetzt beim Lesen spüren, wie du atmest, wie du sitzt oder liegst und welche Emotionen präsent sind. Wiederhole diese Checkins mit dir selbst mehrfach am Tag und lerne dich auf diese Weise besser kennen.
Als nächstes kannst du damit experimentieren, deine Haltung zu verändern. Nimm wahr, wie du sitzt, stehst oder gehst und probiere etwas anderes aus. Im Sitzen streck die Brust raus, im Stehen nimm die Beine mal richtig breit, beim Gehen schwing die Hüften oder was auch immer dir selbst einfällt! Forsche und hab Spaß, und integriere in deinen Alltag, was Sinn macht, hilft oder Freude bereitet.
Die Kür ist dann bewusst zu wählen, wie du dich in verschiedenen Situationen halten möchtest. Nimm einen Körperausdruck oder eine Art der Bewegung, die dir ein gutes Gefühl geben und nutze sie in Momenten, wo sie dich unterstützen würden.
3 Gründe, warum ich Embodiment empfehle
- Du musst nichts anschaffen
Du brauchst keine Sportgeräte, keine Matte, nicht einmal besondere Kleidung. Du kannst direkt loslegen – nur du und dein Körper und eine gute Portion Neugier! - Es geht überall
Embodiment kannst du im Supermarkt genauso üben wie im Auto oder im Bett. Du kannst Haltungen im Gehen, im Stehen, im Sitzen und sogar im Liegen verkörpern. - Du musst nicht sportlich sein
Jeder Körper verkörpert etwas. Immer. Ganz gleich, welche Form der Körper hat und ganz gleich, welche anderen Bewegungsformen er kennt und trainiert.
Meine Liste mit 5 Gründen, warum ich Embodiment liebe findest du hier.
Fazit: Embodiment ist ideal für dich, wenn du mehr bei dir sein willst!
Es gibt viele wunderbare Methoden, mit denen du mehr bei dir selbst ankommen kannst. Yoga ist sicher die bekannteste davon. Doch Embodiment geht auch unterwegs und ohne große Ausstattung. Es schult deine Wahrnehmung, du lernst dich sehr schnell besser kennen und du vergrößerst dein Repertoire an Reaktions- und Verhaltensmöglichkeiten. Du hast mehr Wahl darin, wie du sein möchtest und am Ende des Tages wirst du dadurch auch resilienter in den Irrungen und Wirrungen, die unser Leben so zu bieten hat.
Hast du Lust, eine Mini-Serie mit vielen spannenden Embodiment-Übungen auszuprobieren? Dann schau dir meine Serie vom Jahresbeginn an. Denn ein Neustart geht ja immer:

Hallo Simona,
vielen Dank für deine informative Erklärung. Ich kannte den Begriff vorher nicht, kann in Wirklichkeit aber sehr viel damit anfangen. So finde ich das Zusammenspiel zwischen Körper und Geist immer wieder spannend, und wie wir zum Beispiel unsere Stimmung selbst beeinflussen können, allein durch unsere Haltung.
Liebe Grüße,
Veronika
Hallo liebe Veronika,
Das finde ich spannend, dass du den Begriff vorher nicht kanntest, aber mit der Sache an sich viel anfangen kannst!
Schönen Gruß
Simona