Nach jeder Yogastunde geht es mir ein bisschen besser. Egal, wie ich mich vorher gefühlt habe, danach bin ich etwas zentrierter. Der Atem fließt schön harmonisch, Kiefer und Schultern sind lockerer, mein Schritt schwingt. Eine ähnliche und nur in Nuancen andere Wirkung haben alle somatischen Praktiken auf mich: Ich bin mehr bei mir, fühle mich mehr verbunden, entspannt, locker und weich, ein Kreis mit mir selbst.
Und dann kommt der Montagmorgen. Die Mails stapeln sich, jemand ist unfreundlich am Telefon, und von dem wohligen Verbindungsgefühl nichts mehr da. Das Herz schlägt wieder bis zum Hals, die Stirn ist kraus, Schultern und Nacken verspannt. Meine Antworten werden kurz und von „In mir Ruhen“ kann keine Rede mehr sein.
Besonders deutlich ist der Kontrast nach einer ganzen Woche mit Yoga, Feldenkrais oder jeder anderen intensiven somatischen Körperarbeit.
Mir hat das lange zu denken gegeben. Denn eigentlich stimmt doch etwas nicht, wenn eine Praxis, die uns so tief berührt, im entscheidenden Moment einfach nicht da ist. Also habe ich angefangen, genauer hinzuschauen, was somatische Körperarbeit eigentlich leistet und was mir noch fehlt, damit sie im Alltag ankommt.
Was somatische Körperarbeit für mich bedeutet
Somatische Körperarbeit, egal ob klassisches Yoga, Feldenkrais, freier Tanz, Body-Mind-Centering, Authentic Movement oder andere Methoden, wirken für mich primär auf der Ebene der Selbsterfahrung. Ich lerne mehr zu spüren, ich nehme mehr wahr, von dem was in genau diesem Moment in mir passiert. Mein Gespür für mich selbst wird tiefer, feiner und differenzierter. Man könnte sagen, die körperliche Selbstwahrnehmung bekommt dadurch eine größere Auflösung.
Das ist keine bloße Behauptung, sondern lässt sich neurowissenschaftlich fassen. Unser Gehirn bildet den Körper in Form regelrechter Landkarten ab. Je aufmerksamer und differenzierter wir eine Körperregion wahrnehmen und bewegen, desto feiner und stabiler wird ihre Repräsentation in dieser Landkarte, ein Effekt, den die Forschung als Neuroplastizität bezeichnet.
Somatische Praxis trainiert dabei vor allem auch die Wahrnehmung innerer Körpersignale wie Herzschlag, Atmung oder Spannung. Genau diese wiederholte, achtsame Zuwendung stärkt nachweislich die Verbindung zwischen Körperwahrnehmung und Gehirn, und schafft damit auf einer sehr konkreten, messbaren Ebene mehr Einheit zwischen dem, was wir spüren, und dem, was wir darüber wissen.
Angewandt in Gruppen kommt bei einigen somatischen Methoden noch dazu, dass sich durch bewusste Reflektion des Erlebten mit der Zeit auch eine Sprache oder andere Ausdrucksform für die Erfahrungen entwickelt. Denn zu benennen, was wir spüren, ist für viele von uns am Beginn einer Reise mit dem Körper ein Dorf in Böhmen.
Was somatische Körperarbeit ganz praktisch für mich ausmacht ist, dass die Arbeit ergebnisoffen bleibt. Es gibt kein Ziel, das erreicht werden muss. Wir erspüren, erforschen, erkunden. Das genau ist das Merkmal somatischer Arbeit, ihre Stärke und definitiv kein Mangel. In einer Gesellschaft, die ständig mit vordefinierten Zielen optimieren will, ist ein solches ergebnisoffenes Forschen fast schon ein Akt des Widerstands, auf jeden Fall der Freiheit!
Und ja, das kann auch anstrengend sein. Wer zuerst verstehen möchte, worum es geht und was das konkrete Ziel einer Übung ist, bevor es losgeht, fühlt sich schnell verloren. Es wird selten erklärt, warum eine Bewegung oder Wahrnehmungsübung gerade jetzt dran ist. Das Verstehen soll aus der Erfahrung selbst erwachsen. Das ist kein Versehen, sondern das Prinzip dahinter, das sicher nicht für jede Person und für jede Situation passend ist.
Was Embodiment als Praxis davon unterscheidet
Embodiment baut auf eben dieser Verbindung zwischen Körper und Geist, die auch die Somatik nutzt, auf. Aber es geht als Praxis einen Schritt weiter, nämlich auf die Ebene von Stimmung, Emotion und innerer Haltung.
Ganz schön illustriert es das Wort „Haltung“, das im Deutschen ja zwei Bedeutungen hat. Es gibt die körperliche Haltung, wie wir dastehen, wie wir uns halten. Und die innere Haltung, die Einstellung, die Art, wie wir Dingen und Situationen begegnen. Embodiment als Praxis arbeitet mit beiden Dimensionen, um für die Person Wahrnehmung, Akzeptanz und dann Wahlmöglichkeiten zu entwickeln.
Am Beispiel Emotion oder Stresserleben: Was macht der Körper in genau dieser Situation? Ist das hilfreich? Wenn ja, wie viel davon? Was könnte ich stattdessen machen? Gelegentlich geht es auch an die Entdeckung tieferer Muster, also an länger „eingeübte“ Verkörperungen eines Narrativs, eines Glaubens oder einer Prägung. Wo schränkt mich das Embodiment, die Verkörperung davon ein? Wo dient es mir und in welcher Dosis? Was könnte stattdessen entstehen?
Genau das Wort „eingeübt“ trifft es dabei neurologisch ziemlich genau. Wiederholte Reaktionsmuster, eine bestimmte Art, wie sich unser Körper bei Stress zusammenzieht oder wie wir bei Scham den Blick senken, hinterlassen über die Zeit tatsächlich stabilere neuronale Bahnen, ganz ähnlich wie das Erlernen einer Bewegung im somatischen Sinn.
Neuroplastizität ist dabei aber keine Einbahnstraße. Dieselbe Formbarkeit, die ein Muster über Jahre festigt, macht es prinzipiell auch wieder veränderbar. Eine neue Bewegung, ein neuer Atemrhythmus, eine bewusst eingenommene Haltung schaffen, wenn sie oft genug wiederholt werden, neue neuronale Bahnen neben den alten und schwächen damit den automatischen Sog des gewohnten Musters. Das ist der Grund, warum Veränderung hier nicht nur eine flüchtige Stimmungsaufhellung im Moment sein muss, sondern sich mit der Zeit tatsächlich in unserem Verhalten niederschlagen kann.
Die Arbeit basiert also auf einem Wissen, das die Psychosomatik längst kennt, nämlich dass sich Gedanken und Gefühle im Körper niederschlagen. Die Embodiment-Praxis dreht es um: Was wir mit dem Körper machen, beeinflusst die innere Haltung, die Emotion, das Gestimmtsein.
Embodiment ist die Brücke in den Alltag
Zurück zum Montagmorgen. Viele kommen zum Yoga, weil sie mehr bei sich sein wollen und wenigstens für ein paar Momente weniger im Außen. Genau das macht die Yoga-Praxis – oder eine andere somatische Arbeit – auch zu einer so wertvollen Auszeit. Natürlich gibt es auch körperliche Aspekte wie mehr Beweglichkeit oder sogar der Wunsch nach ganz gezielter Arbeit an Bewegungsmustern oder Schmerzreduktion wie im Feldenkrais. Aber vor allem für Einsteigerinnen geht es oft um die aktive Erholung und die Verbindung zu sich selbst, wenn sie sich für Somatik interessieren.
Dass es funktioniert, wissen alle, die sich regelmäßig auf einer Matte oder in einem Tanz- und Bewegungsraum einfinden. Doch ab wann durchdringt es unser Sein im Alltag? Wie viel grundlegende Selbsterfahrung, wie viele Monate und Jahre intensiver und regelmäßiger Praxis sind nötig, bis ich eine innen gefühlte Haltung auch wirklich im Außen verkörpere? Wie lerne ich und wie geht der Transfer?
Keine Frage ist: All das braucht Zeit und Vertiefung. Nichts geht per Knopfdruck. Und doch kann Embodiment hier ansetzen und Fragestellungen konkret fassen. Es kann eine Brücke in den Alltag sein und darin an so mancher Stelle eine Abkürzung in dem langen Prozess von Erfahrung – Erkenntnis – Vertiefung – Übertragung und schließlich Anwendung.Und ich meine damit nicht den großen Überbegriff für alles, was Verkörperung bedeutet, sondern etwas sehr Konkretes: kleine Methoden für genau solche Momente.
Centring ist so eine Methode. Ein paar bewusste Atemzüge, eine kleine Verlagerung der Aufmerksamkeit, und es stellt sich eine innere Haltung von Ruhe und Bei-sich-sein her. In einem Moment, wo weder Raum noch Zeit war, eine Matte auszurollen oder in die Gestimmtheit einer besonderen somatischen MEthode einzutauchen.
Die Faustregel: Wann arbeite ich somatisch und wann mit Embodiment?
Wer einfach mehr in den Körper kommen möchte, mehr spüren, mehr Bewegungsmöglichkeiten entdecken, ist mit somatischer Körperarbeit genau richtig. Auch bei tatsächlichen Bewegungseinschränkungen oder Fehlhaltungen, die sich über Zeit entwickelt haben, liegen dort passende Werkzeuge.
Sobald es um lebenspraktische Fragen geht, um mehr Kompetenz im Umgang mit sich selbst, um Stress im Alltag, um Emotionen, um die eigene Haltung in Beziehungen, bietet somatische Arbeit keinen ausgearbeiteten, direkten Transfer. Diesen Transfer kann man sich definitiv selbst erarbeiten. Aber Embodiment als Praxis bietet eine konkrete Rahmung dafür. Mit konkreten Techniken und wirkungsvollen Prinzipien, die bei der Entwicklung eigener kleinen Tools oder Übungsabläufen helfen.
Am besten wirkt ohnehin die Kombination. Eine somatische Praxis als Basis, regelmäßiges Yoga zum Beispiel, und darauf aufbauend Embodiment als die Brücke, die den Transfer in den Alltag herstellt.
Eine kurze Randbemerkung, die mir wichtig ist
Embodiment wird manchmal missverstanden als weiteres Selbsthilfe-Tool, mit dem an sich herumdoktort wird, um noch besser zu funktionieren. Das ist nicht mein Ansatz. Für mich geht es um Integration, nicht um Optimierung. Um das Anerkennen dessen, was schon da ist, nicht um das Beheben eines vermeintlichen Mangels. Was das genau bedeutet und warum mir das eine ethische Frage ist, packe ich in einen eigenen Artikel, weil dieser Gedanke mehr Raum verdient, als ich ihm hier geben kann.
Fazit
Somatik bringt uns zu uns. Embodiment bringt uns in den Alltag. Beides zusammen ist die Praxis, die trägt, auch am Montagmorgen.
Was ist deine Erfahrung damit? Kommst du über deine Praxis zu dir, verlierst dich aber im Alltag genauso schnell wieder? Schreib mir gern, oder melde dich zu meinem Newsletter an, dort teile ich regelmäßig kleine Embodiment-Techniken wie das Centring, direkt für den Einsatz zwischendurch.
