Juni 2026 fühlte sich an wie mein erster Sommer in Berlin. Zwar war ich seit 2022 jedes Jahr ein paar Juni und Juli-Wochen in der Stadt. Doch der Umzug vom möblierten Zimmer im Stilaltbau in die deutlich weniger massive Dachgeschosswohnung mit großen Fenstern Richtung Südwest hat den vergangenen Monat auf mehreren Ebenen nachhaltig geprägt.

Zum einen ist so eine Neueinrichtung neben diversen Jobs und Weiterbildungen ein absolut nennenswertes Arbeitsprojekt, das mich immer wieder in Wallung gebracht hat. Und das nicht nur wegen der Temperaturen. Welche Embodiment-Tools mich in diesem Monat unterstützt haben, ist zentraler Teil dieses Monatsrückblicks. Getreu meinem Jahresmotto „Radical Embodiment“ verfolge ich so jeden Monat, was mich von meinem Körper- und Methodenwissen aus Yoga, Somatik & Co. im Alltag über Wasser hält.

Zum anderen hat die Wohnung auf der Sonnenseite Berlins das echte städtische Sommer-Feeling hervorgebracht: 3-facher Ventilatorenkauf, deutlich höhere Eiscreme-Genuss-Frequenz auf Heim- und Spazierwegen (Cassis Cheesecake der aktuelle Favorit!), Badesee-Besuch, Bootstour, Picknick im Park, Fête de la Musique und andere Festivals waren viel weiter vorne auf meiner Agenda als in den Vorjahren.

Vermutlich unvergesslich: eine 3-stündige Supervision im Rahmen meiner Embodiment Coaching-Ausbildung am bisher heißesten Tag des Jahres – online in der Dachwohnung. Das Training liegt jetzt in den letzten Zügen. Es bringt die spannendsten Techniken noch mehr in das aktive Embodiment-Vokabular, aber auch jede Menge Stress-Momente, wo ich sie anwenden kann.

Unerwarteter Star im Alltag (und nicht Teil der Ausbildung): Die einfache Ermutigung „Kopf hoch!“. Warum das für mich Embodiment 101 ist und was sonst noch spannend war, liest du in diesem Beitrag. Wie immer mit einigen Bildern des Monats – dieses Mal strictly Berlin!

„Kopf hoch!“ oder Embodiment 101

Ich habe wirklich keine Ahnung, wo der Impuls herkam. Vielleicht eine ganz alte, internalisierte Stimme aus meiner Kindheit. Aber als ich mich in den Wirren meiner Arbeits-Einrichtungs- und Ausbildungslogistik immer häufiger dabei ertappt habe, wie ich mit gesenktem Kopf im Tiefgrübelmodus durch die Stadt getrabt bin, kamen irgendwann diese beiden Wörter in meinen Sinn: „Kopf hoch!“

Ich gebe zu, es ist eine borderline problematische Ermutigung, die je nach Tonfall eben nicht wirklich ermutigen will. Manchmal will sie auch bevormunden, abwiegeln, beschwichtigen oder wegwischen statt wirklich mitzufühlen. Je nachdem, in welcher Weise wir die Routineformel früher gehört haben, wirkt sie heute auf uns.

Meine eigenen Erfahrungen sind anscheinend eher neutral. Jedenfalls hob ich direkt widerstandsfrei den Kopf, als die innere Stimme es vorschlug und war verblüfft, was diese Mini-Aktion bewusst ausgeführt für einen Unterschied macht. Kleine Geste, große Wirkung!

Volle Lotte Gehirnkirmes

Wenn der Kopf hängt, sehe ich weniger. Meine Aufmerksamkeit ist meist voll im Innen und zwar nicht im Körper, sondern im Kopf. Genauer bei unerfreulichen Zukunftsszenarien, komplexen Problemstellungen oder in suboptimal verlaufenen Erlebnissen und Gesprächen der jüngeren Vergangenheit. Volle Lotte Gehirnkirmes eben.

Was direkt vor mir stattfindet – erfreulich oder nicht – nehme ich in solchen Momenten nicht wahr. Somit gebe ich dem legendären „Hier und Jetzt“ auch keine Chance, mich abzulenken, anzuregen oder aus meiner Grübelei aufzuwecken.

Keine Frage – Nachdenken ist nötig. Vor allem als autolose Großstädterin im modernen Einrichtungs-Triathlon: Entscheidungen treffen, die kreativ-chaotische Lieferung diverser Paketdienste managen und dann mit dreierlei Imbus alles alleine aufbauen. The mental load is real! Vor allem, weil ja wie bei jedem realen Großprojekt nicht alles beim ersten Mal klappt. Manchmal auch nicht beim zweiten Mal (Thema verdunkelnde, wärme-minimierende Raumverschattung).

Aber wie lange Frau nachdenkt und in welchen Momenten und ob es sich lohnt, sich von der Mental Load niederdrücken zu lassen, ist die nächste Frage. Ein ehrlich ermutigendes inneres „Kopf hoch!“ kann hier echt Wunder wirken, habe ich gemerkt. Denn ebenfalls ehrlich: Bei der mir aktuell widerfahrenden Art hausgemachter Problematik kann es seine volle und unmittelbare Wirkung recht leicht entfalten.

Wer den Kopf hebt, kann in den Himmel schauen. Blick über die Dächer von Kreuzberg.


Routineformel für die eigene Toolbox

Weniger wirksam ist es ggf., wenn sich der hängende Kopf aus einer tiefen Traurigkeit speist. Deshalb gilt: Auch wenn ich eine positive Erfahrung mit der Redewendung habe, haue ich sie nicht ohne Weiteres einem anderen Menschen um die Ohren. Könnte ziemlich falsch ankommen.

Als Routineformel für die eigene Toolbox kann ich ein gut dosiertes „Kopf hoch!“ hingegen sehr empfehlen. In gewisser Weise ist es „Embodiment 101“, also Embodiment für Einsteiger:innen – eine wirklich kleine Veränderung im Körper, die sich direkt auswirkt auf den Handlungsspielraum.

Ich hebe den Kopf, weite damit meinen Blick und komme außerdem von einer Körperhaltung, die meist Passivität und Niedergeschlagenheit ausdrückt, in die Aufrichtung. Von hier aus bieten sich andere Perspektiven an und der Körper steht für mehr Möglichkeiten zur Verfügung. Wahrnehmung und Wahl: Viel besser kann man die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist fast nicht auf den Punkt bringen.

Was löst die Formulierung „Kopf hoch!“ bei dir aus? Könnte es auch für dich eine „Embodiment kompakt“-Technik werden? Schreib mir gerne oder kommentiere unter dem Beitrag!


Lieblinge aus der Embodiment-Praxis: „Tönen“ und „Tieren“

Noch zwei andere Techniken haben mich im vergangenen Monat bei Laune gehalten. Und Technik ist eigentlich ein viel zu großes Wort für das, was ich meist ganz intuitiv in der Küche oder auf dem Weg zur Bahn als kleine „Stimmungsintervention“ kreiere und anwende.

Wie schon im Vormonat war ich auch im Juni wieder inspiriert von Comedy Improv und Somatischem Theater. Dieses Mal war es die Verkörperung einer Löwin, die ich mitgenommen habe auf die Straße. In der Küche war es Anfang des Monats das freie Tönen, das ich zu meiner großen Überraschung im Westwind auf Rügen für mich entdeckt hatte.

„Tönen“ oder Singen ohne bekannte Melodie

Spontaner, intuitiver Ausdruck kann sehr befreiend sein. Manchmal möchte man vielleicht laut „Sch…“ schreien, manchmal ein munteres Liedchen pfeifen. An einem menschenleeren Strand auf der Insel Rügen habe ich Ende Mai etwas Neues für mich entdeckt: Ich nenne es mal Singen ohne bekannte Melodie oder „freies Tönen“. Vielleicht ist es wirklich irgendwo eine bekannte Technik. Ich weiß es nicht.

Ich lasse einfach für mich selbst die Stimme laufen, ohne bewusst etwas zu singen und ohne etwas zu wollen. Es lockert die Kehle und den Kiefer und kann dazu noch Stimmung ausdrücken und modulieren. Es geht fantastisch unter der Dusche und auch beim Aufräumen, Abwaschen und Staubsaugen. Dabei lasse ich sanft Druck ab und stimuliere gleichzeitig meine Kreativität. Erstaunlich!

Sangesausbruch am Sängerinnenfels in Dahn. Bild: Kathrin Angelstein


Zugegebenermaßen war ich im Westwind der Insel noch befreiter und voluminöser in meinem Selbstausdruck. Im Mehrparteienhaus hat es ja dann doch irgendwo Nachbar:innen. Aber auch bei geringerer Lautstärke oder im Windschatten von Staubsauger oder Duschstrahl wirkt das Tönen lockernd und erdend zugleich.

„Tieren“ oder Gehen wie eine Löwin

Im Juni-Workshop im Somatischen Theater haben wir uns mit der Verkörperung von Tier-Charakteristiken beschäftigt. Zuerst ging es darum, mit dem eigenen Körper zu erkunden, wie sich ein träger Koala, eine sprunghafte Kröte oder in meinem Fall eine Löwin bewegt.

Nach einiger Zeit der Übung haben wir die Eigenschaften in kleine Szenen übertragen – zunächst als tierische Charaktere, später als menschliche Typen mit der tierischen Eigenschaft. Ich endete als „Löwen“-Mutter mit einem Gamer als Sohn (der träge Koala!). Die Löwin hatte ein Verhaltensrepertoire in der gespielten Situation, das mir ohne die tierische Vorarbeit nicht zur Verfügung gestanden hätte.

Es war so inspirierend, dass ich den Löwinnengang auch auf dem Heimweg praktiziert habe und seither immer wieder gerne in die bekannten Wegstrecken integriere. Die „Energie“ der Löwin kommt mit einer faszinierenden Mischung aus Coolness und Entschiedenheit, die sich auch außerhalb der Savanne gut nutzen lässt.

Environmental Somatics: Aufmerksamkeitshoheit

Mit meinem Environmental Somatics-Kurs stand im Juni an, Ort und Thema für die Abschluss-Präsentation zu finden. Wo soll mein erster öffentlicher Score (somatische Anleitung) stattfinden und mit welchem Schwerpunkt? Mit einer Kurskollegin und allein habe ich in dieser Mission im Juni die verschiedensten Plätze in Berlin erkundet.

„Mitte“ habe ich als architektonisch uneinheitlich und zerrisen erlebt. In Kreuzberg treten die sozialen Brüche deutlicher in den Vordergrund. Eines haben alle Stadtteile gemeinsam: Zwischen Polizeisirenen, Fahrradklingeln, Graffiti, Plakatwerbung und dem Geruch der Straße verlangt so vieles meine Aufmerksamkeit, dass ich neuerdings jeden Baum als Erholungsinsel für meinen Geist feiere, wenn ich an ihm vorbeiradele.

Die Stadt wird mir zum Gleichnis für unser Leben in einer Wirtschaft, deren mächtigste Währung unsere Aufmerksamkeit ist. „Schau hier!“, „Klick hier!“, „Reg dich über dies oder das auf!“, „Kauf das, um dich zu beruhigen und glücklich zu werden!“, „Mach das, um dich zu verbessern!“ und „Wähle das, um dich irgendwann nicht mehr aufregen zu müssen!“

Das Tor zum inneren Frieden

Manchmal ruft es gefühlt von allen Seiten und ich priorisiere nicht mehr. Alles ist zuviel. In der Überstimulation verliere ich meine Aufmerksamkeitshoheit. In der Stadt wie im digitalen Raum ist mein Fokus allerdings nicht nur eine ökonomische Währung, sondern auch das Tor zu meinem inneren Frieden. Also etwas, das ich tunlichst hüten sollte.

Zuviele verschiedene Stimuli und Impulse machen, dass meine Welt in tausend kleine Aufgaben, Anfragen und Meinungen zerfällt und am Ende kein Fokus und keine Klarheit mehr übrigbleibt. Ich fühle mich wahrhaft zerstreut, die Welt ist fragmentiert. Weil dieser Prozess gefühlt immer schneller und intensiver wird, interessiert mich brennend, wie ich sowohl in der Stadt als auch am digitalen Gerät besser bei mir bleiben kann. Wie ich bemerke, wann mich der konstante Input ablenkt, von dem was wirklich zählt. Wann es mir etwas überstülpt oder einredet, das gar nicht zu mir gehört und wann es schlicht zu viel wird für das Nervenkostüm.

Ich will bewusster entscheiden, wem oder was ich meine kostbare Aufmerksamkeit schenke. Ich will wissen, wer mir da was zu erzählen oder zu zeigen versucht. Und ich will nicht abschalten und abstumpfen müssen dafür. Es geht also nicht nur um die passende Dosis Offentheit und Mitfühlen, sondern vor allem auch um Handlungsfähigkeit.

Schriftzug auf einem Haus: "Menschlicher Wille kann alles versetzen."

Reclaiming agency and attention

Voilà – das ist mein Thema, das in englisch schmissiger klingt „Reclaiming agency & attention in an increasingly fragmented world – somatic explorations at Maybachufer market – Die Aufmerksamkeitshoheit zurückgewinnen in einer zunehmend zerstückelten Welt.“ Ich werde die 45-minütige Erkundung am 2. Oktober auf dem Maybachufer-Markt in englisch und deutsch anleiten.

Mehr Infos zum Rahmen des Events findest du auf der Website der Somatischen Akademie „Environmental Somatics Gestaltungen

Bilder des Monats: Berlin

Klassen, an denen ich im Juni teilgenommen habe

  • 4x Improvisationstheater
  • 1x Somatisches Theater: Tier-Charaktere
  • 3x Feldenkrais-Minis
  • Wie immer etwas Online-Yoga

Meine Angebote im Juni

  • Berlin Morning Groove, Mo & Fr 7:30 – 8:00 Uhr ongoing!
  • Sunday Morning Flow: Weltmeisterinnenyoga
  • Embodiment Coaching Online

Was ich im Juni gebloggt habe

Ausblick auf den Juli 2026

Im Juli geht es in die Endphase meiner Ausbildung zum Embodiment Coach – noch eine Supervision, wöchentliche Schnupper-Coachings für meine Newsletter-Abonnent:innen und am Ende des Monats eine Aufzeichnung meiner neuen Kunst, die Teil des Examens wird.

Die Schnuppertermine sind bis Ende des Monats alle ausgebucht. Neue Angebote wird es nach der wohlverdienten Sommerpause ab Mitte September geben. Komm am besten in meinem Newsletter, wenn dich das interessiert.

Stille Momente im Lichtspiel der sonnigen Dachwohnung.
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