Jeder Mensch übt ständig Embodiment. Denn Embodiment ist (unter anderem) Körperausdruck. Und jeder Mensch drückt mit Körper, Gesicht und Händen ständig etwas aus – ob er / sie will oder nicht. Die plakativsten Beispiele:
Strahlendes Lachen <–> Freude
hochgezogene Schultern <–> Anspannung
eingesunkene Haltung <–> Traurigkeit oder Sorgen.
Manche Haltungen und Ausdrucksformen machen wir häufiger als andere. Wir üben sie also regelrecht. Meist unbewusst, aber eben andauernd.
Je nach Embodiment-Haltung kann das positive Auswirkungen auf unser Leben haben oder nicht. Meine These: Mit der intensiven Mediennutzung unserer Zeit üben wir einseitig Haltungen und Qualitäten, die eher eine Herausforderung für uns darstellen. Und das muss nicht sein, wenn wir wissen, was wir tun! Wir brauchen ein bewusstes Embodiment, um dem entgegenzuwirken.
Was ist Embodiment?
Embodiment steht für „Verkörperung“ und beschreibt die gegenseitige Beeinflussung von Körper und Geist. Was ich denke und fühle, drückt sich immer auch in meinem Körper aus. Und was mein Körper macht, beeinflusst umgekehrt mein inneres Erleben. Vor allem Haltungen und Bewegungen, die ich sehr häufig wiederhole, schlagen sich auch auf mein inneres Erleben nieder.
Als bewusste Praxis bedeutet Embodiment, dass ich mehr von dem wahrnehme, was ich mache. Dadurch bekomme ich eine Wahl. Ich kann mein Embodiment und das, was es in mir bewirkt, anpassen.
Eine längere Erklärung zu dem Begriff findest du in meinem Beitrag „Was ist Embodiment?“ Kurz und anschaulich illustriert es dieser Peanuts-Comic von Charles M. Schulz:

Warum ist Embodiment heute so wichtig?
Aktuell verbringen Menschen über 30 etwa 2,5 – 3 Stunden am Tag mit ihrem Smartphone. Lesen, chatten, Videos schauen, navigieren, gelegentlich telefonieren. Die Zahlen sind ähnlich für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Tendenz steigend. Je nach Job kommen für die meisten 1-8 Stunden an einem Arbeits-Bildschirm dazu. Abends vielleicht noch passive Zeit vor dem Fernseher oder Heimkino.
Diese intensive Mediennutzung ist aus den verschiedensten Gründen eine Herausforderung für die mentale und körperliche Gesundheit. In diesem Beitrag stelle ich dar, warum sie aus Embodiment-Perspektive problematisch ist.
Stundenlange gebeugte Haltung
Seit Smartphone und Tablet kennen wir nicht nur Rücken- und Schulterschmerzen, sondern auch so etwas wie Handynacken oder „Tech Neck“. Lange einseitige Haltungen belasten die Gelenke und die Wirbelsäule. Doch sie wirken auch auf einer anderen Ebene. Denn was drückt das Embodiment eines Menschen am Smartphone aus?
Kennzeichen der Körperhaltung sind typischerweise:
- nach vorne gerollte Schultern
- Rücken je nach Sitzposition mehr oder weniger rund nach vorne gebeugt
- Brust eingefallen
- gesenkter Kopf
- starrer Blick
- flacher Atem
Nicht gerade ein Ausdruck inspirierter Lebensfreude. Ohne Bildschirm vor den Augen (und ohne Lächeln) sieht diese Körperhaltung tatsächlich eher nach Niedergeschlagenheit, Grübelei oder Erschöpfung aus.
Und Übung macht Meister:innen, wie es so schön heißt. Alles, was wir über längere Zeit trainieren, geht uns in Fleisch und Blut über. Auch wenn wir eine einfache Haltung und ihre Wirkung viele Stunden am Tag üben, werden wir darin „Meister:innen“. Im Fall des gebeugten Handy-Rückens ist das eine Haltung, die Charly Brown im Comic oben für anhaltende Deprimiertheit empfiehlt. (Wenn dann noch der Inhalt der Nachrichten auf dem Gerät eine negative Note hat, ist das Schlechte-Laune-Training perfekt.)

Der Körper als reines Gehirntaxi
Nur noch diese eine Aufgabe am Rechner erledigen oder die nächsten 3 Reels anschauen… Wenn wir versunken sind in einem Arbeitsprojekt oder gefangen im Doomscrolling, verlieren wir den Kontakt zu unserem Körper und seinen Bedürfnissen. Trinken? Essen? Auf Toilette gehen? Spielt alles keine Rolle mehr. Der Körper wird zu einem Gehirntaxi, das maximal Augen und Hände braucht zum Funktionieren.
Unser Körper sendet aber wichtige Signale und wird irgendwann sauer, wenn wir sie nicht beachten. Wenn ich die verspannten Schultern nie zwischendrin lockere, brauche ich früher oder später eine Massage oder einen Orthopäden. Wenn ich unregelmäßig esse und trinke, merken das Nieren, Blase, Blutzuckerspiegel und Hormone.
Auch hier macht Übung die Meister:innen. Als Kinder bekommen wir immer direkt mit, wenn etwas unangenehm ist und reagieren darauf. Im Lauf der Zeit unterdrücken wir immer mehr von diesen Impulsen, weil wir funktionieren müssen. Mit intensiver Mediennutzung ignorieren wir den Körper noch mehr. Wir trennen uns regelrecht ab vom Körper und werden entkörperlicht, körperlos – dis-embodied.
Durch die Entkörperung verliere ich nicht nur die Verbindung zu meiner linken Schulter und der Harnblase, sondern insgesamt die Verbindung mit mir selbst. Ich weiß gar nicht mehr, wie es mir geht.
Was ich brauche und was in jedem Moment dran ist, kann mir aber niemand anderes sagen. Die Info ist wichtig für den Rest meines Lebens. Sie wahrzunehmen und zu entschlüsseln, sollte ich nicht weiter verlernen, sondern im Gegenteil viel stärker priorisieren.
Passive Haltung
Neben der gebeugten Haltung an Smartphone und Tablet gibt es auch die gechillte Haltung vorm TV. Beide sind passiv – im Außen wie im Innen. Beim Konsum von Social Media, Videos und Filmen lasse ich mich berieseln, muss nichts machen.
Eine passive Haltung wirkt entspannend und ist wichtig als Ausgleich für Aktivität. Eine überwiegend passive Haltung hingegen übt wieder etwas, was wir vielleicht nicht unbedingt wollen oder brauchen. Wenn ich ständig meine innere Couch Potato trainiere, werde ich insgesamt träger. Weniger Antrieb und Motivation, weniger Neugierde und Idee, weniger eigenes Erleben.
Das Wirkprinzip von Embodiment ist: Mach, was du willst. Besser bekannt unter „Fake it, until you make it.“ Für Kraft, trainiere Kraft. Für Klarkeit, übe klar zu denken, usw.
Weniger Weitblick
Im Social Media-Tunnel kann ich schnell den Weitblick verlieren. Nicht nur weil sich die Inhalte durch die Programmierung der Algorithmen verstärken und wir dadurch alle in unserer selbstgewählten Echokammer gefangen bleiben. Mit den auf kurze Distanz fokussierten Augen geraten wir auch körperlich in einen Tunnelblick.
Wir verlernen, den Kopf zu heben, uns umzuschauen und in den Blick zu nehmen, was es sonst noch an Perspektiven und Eindrücken gibt. Wenn ich immer in die exakt gleiche Richtung direkt vor mir schaue, kann ich nichts Neues lernen.
Welche Rolle wird Embodiment in der Zukunft spielen?
Technologie durchdringt immer stärker unsere Gesellschaft. Mit sozialen Medien und zuletzt KI hat die Entwicklung ein atemberaubendes Tempo erreicht. Die Schattenseiten: Moderne Medien und Technologien eignen sich hervorragend zur Manipulation und werden immer intelligenter genau dazu eingesetzt. Immer mehr Polarisierung und Spaltung zwischen Menschen sind die Folgen.
In einer solchen Gesellschaft brauchen wir sichere Bullshit-Detektoren, ein waches Bewusstsein und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Wir wollen nicht niedergeschlagen, mit passivem Tunnelblick vor uns hinvegetieren, während wir mit einer endlosen Schleife von irrelevanten, falschen und / oder gezielt spaltenden Botschaften gefüttert werden.
Wir brauchen eine intakte Verbindung zu unserem Körper und seinen Signalen. Denn dazu gehören auch unser Bauchgefühl und unsere Intuition, die schon Alarm schlagen, wenn unser Verstand sich noch im Kreis dreht.
Durch bewusstes Embodiment
- bekommen wir mehr von dem mit, was ist
- haben wir mehr Wahl in dem, was wir tun
- kommen wir nach Hause zu unserem Körper und damit zu uns selbst
So fängst du mit Embodiment an
Speziell bei der Arbeit am Computer und bei der Nutzung von Smartphone und Tablet eignen sich folgende einfache Embodiment-Übungen:
- Kontrast-Haltungen
Wenn du viel Zeit in einer vorgebeugten Haltung verbringst, mach Mini-Pausen mit leichten Rückbeugen oder Twists. Rolle die Schultern immer wieder nach hinten oder öffne deinen Brustkorb mit angewinkelten Armen im Türrahmen. Nimm eine Haltung ein, die das Gegenteil von dem ausdrückt, was du in der vergangenen Stunde verkörpert hast. Strecke beispielsweise die Arme nach oben und mach dich so groß und raumgreifend wie möglich. - Checkin: Wie geht es mir genau jetzt?
Checke mehrfach am Tag, wie es dir geht. Du kannst die Checkins mit dem Toilettengang, dem Gang zu Kaffeemaschine oder Wasserkocher verbinden oder dir mehrfach täglich einen Alarm stellen. Kommt der Moment, halte kurz inne und spüre in dich hinein. Wie geht es dir in genau diesem Moment? Was nimmst du alles wahr?
Bonus: Prüfe, wie du deine aktuelle Haltung oder Tätigkeit ändern, abwechseln oder ergänzen kannst. Was braucht es, damit es dir auch in 3-5 Stunden noch gut geht? - Bleibe aktiv
Mach kurze Pausen, in denen du dich bewusst bewegst. Den gesamten Körper Schütteln, Tanzen oder einfach freie, intuitive Bewegung aktivieren nicht nur deinen ganzen Körper. Sie beleben auch den Geist und können helfen zu verarbeiten, was du gerade gesehen, gehört oder gemacht hast. - Augen-Wellness
Nimm die Augen regelmäßig vom Bildschirm. Auch dafür kannst du dir einen Alarm einstellen. Lass die Augen entspannt durch den Raum schweifen. Dann lass sie sanft ruhen und nimm einen weichen 180 Grad-Blick ein, der von Augenwinkel zu Augenwinkel fließt.
Schreib mir gerne in den Kommentaren, was dich anspricht oder was für dich gut funktioniert!
Noch mehr Tipps, um wieder in deinen Körper zu kommen, findest du auch unter „Meine besten Tipps zum Runterkommen im Alltag„
Mehr über Embodiment erfährst du in der Kategorie Embodiment und in meinem monatlichen Newsletter.

Liebe Simona,
danke für diesen tollen Artikel. Über die Auswirkungen auf das Gesamtsystem durch stundenlange gebeugte Haltung bin ich noch gar nicht gekommen. Ein interessanter Ansatz, der zum Nachdenken anregt.
Herzliche Grüße
Kirsten
http://www.kirsten-klahold.de
Liebe Simona,
ich bin über TCS auf dich gestoßen und freue mich gerade wahnsinnig, dass dein Artikel über Embodiment mir einen weiteren Twist oder Aspekt in meinem Thema „Digitale Balance“ gezeigt hat.
Vielen Dank dafür! Ich werde da tiefer einsteigen.
Weil ich neugierig bin habe ich mich ein bisschen auf deiner Seite umgesehen und habe mich in vielen kleinen Punkten deiner Fun Facts wiedergefunden – sehr sympathisch jedenfalls, und ein bisschen neidisch bin ich auf deinen konsequenten Way of Life.
Würde mich freuen, wenn wir vielleicht mal Gelegenheit finden, uns auszutauschen / kennen zu lernen.
LG
Christine
digital-zen.de
Hallo Christine,
Lieben Dank für dein begeistertes Feedback! Freut mich sehr. Lass uns gerne auf einem anderen Kanal connecten.
Liebe Grüße
Simona